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Urlaubslektüre - das empfehlen die BdV-Blogger

Urlaubslektüre - das empfehlen die BdV-Blogger

 31.07.2018  BdV hilft!  0 Kommentare  Claudia Frenz

Es gibt so viele Bücher, dass es keinen Sinn hat, welche zu lesen, die einen langweilen.

Gabriel García Márquez

 

Kein Sommer ohne Urlaubslektüre. Hier sind sie wieder - die Buchempfehlungen der BdV-Blogger. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und einen schönen Urlaub!


 

Edda Castelló

Tyll von Daniel Kehlmann

Die Geschichte eines Gauklers, der irgendwie versucht, in der schrecklichen Zeit des 30jährigen Krieges zu überleben.

Den Deutschen wird ja nachgesagt, sie würden besonderen Wert auf Regeln und Ordnung legen. Möglich, dass auch die unmittelbaren Erfahrungen mehrerer Generationen, die den Krieg von 1618 bis 1648 erleiden mussten, bis heute nachwirken. Jahrzehnte, die geprägt waren von Rechtlosigkeit, Unbarmherzigkeit, religiösem Fanatismus, Folter, Unaufgeklärtheit, Hunger, Krankheit, Seuchen und täglichem Tod. Der zum Tode auf dem Scheiterhaufen Verurteilte war glücklich, weil er sich mit der Henkersmahlzeit einmal satt essen konnte. Nie konnte man sich sicher fühlen. Wer heute Freund war, war morgen Feind.

Der Autor beschreibt mit einer wunderbaren, dichten Sprache jene Zeit aus der Sicht der gebeutelten Menschen. Die Geschichte ist eingerahmt von der Erzählung der historischen Fakten. Und die sind so aktuell, dass es einem zuweilen kalt den Rücken herunterläuft.

Keine ganz leichte Kost als Urlaubslektüre, aber ein Buch, das nachhallt!

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt, Reinbek, 480 Seiten, ISBN-13: 9783498035679


 

Bianca Boss

Insomnia von Jilliane Hoffman

Ich bin in diesem Sommer wieder „blutig“ unterwegs…

Der Thriller „Insomnia“ hat es mir angetan – ein Geschenk meiner lieben Schwester. Ich mag es tatsächlich etwas schaurig, blutig und aufregend – allerdings nur in Büchern.

Wer das auch mag, für den ist dieses Buch genau richtig. Worum geht’s?

Die 17-Jährige Mallory Knight ist spurlos verschwunden und wird zwei Tage später, mit Schnittwunden übersät, wieder aufgefunden. Sie behauptet, der Serientäter und so genannte „Hammermann“ ist der Täter. Der Hammermann quält, vergewaltigt und tötet unschuldige Mädchen und verhöhnt anschließend die Polizei mit kryptischen Nachrichten über Social Media. Doch diese Aussage entpuppt sich als Lügenmärchen. Die Öffentlichkeit erfährt davon und das Mädchen muss mit ihrer Familie den Heimatort verlassen.

Mallory nimmt eine neue Identität an. Jahre später ist aus ihr eine ernste, intelligente junge Frau geworden, die immer noch ihren damaligen Fehler als Damoklesschwert über sich schweben spürt – und der Hammermann hat sie nicht aus den Augen gelassen.

Unterhaltsam und spannend für relaxte Strandtage. Viel Spaß!

Jilliane Hoffman: Insomnia, Rowohlt, Reinbek, 480 Seiten, ISBN-13: 9783805250719


 

Claudia Frenz

Der vorletzte Samurai von Dennis Gastmann

Wer in diesem Jahr nach Japan fährt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Reisejournalist und Reporter Dennis Gastmann erschließt Land und Leute aus einem sehr persönlichen Blickwinkel. Denn er ist mit einer Japanerin verheiratet und nutzt die Flitterwochen für eine Reise nach Japan zu den angeheirateten Verwandten. Darauf hatte der Autor schon länger gedrängt, doch die Familie ist in Japan etwas sehr Intimes, man wird ihr erst vorgestellt, wenn man verheiratet ist – die Familie, so Gastmann, sei „verletzlich wie ein Herz, und wer lässt schon gern jemanden in sein Innerstes, der nicht bleibt?“

Das Buch ist kein Reiseführer, eher ein Reisebericht. Man erfährt einiges über die japanische Mentalität und Kultur, die uns Europäern doch in vielem sehr fern ist: Ob es das Roboterrestaurant in Tokio ist, das mit seinem lasertechnisch überbordenden Neongewitter eher Touristen als Japaner anlockt, oder die Sitte, dass bei Familientreffen in Restaurants Gastgeber und ältestes Familienmitglied um die Begleichung der Rechnung streiten, damit niemand sein Gesicht verliert; Gastmann beobachtet sehr fein und skizziert seine Alltagsbeobachtungen gleichermaßen liebe- wie humorvoll. Ein sehr kurzweiliges Buch.

Dennis Gastmann: Der vorletzte Samurai, Rowohlt, Berlin, 256 Seiten, ISBN: 9783737100113


 

Axel Kleinlein

Hain von Esther Kinsky

Trauer ist mehr als lautes Weinen, Klagen und Verzweifeln. In Trauer steckt viel an leisen Gefühlen, die eine Öffnung für neue Erfahrungen ermöglichen. Die gerade erste vor zwei Monaten verwitwete Protagonistin besucht in dem Roman „Hain“ das heutige Italien. Sie lernt jenseits der touristischen Hotspots ein ihr unbekanntes Land kennen, das Raum für Trauer gibt, für Erinnerungen und für kleine Hoffnungen.

Es sind die kleinen Momente, die Frau Kinsky in einer wunderschönen poetischen Sprache beschreibt und erlebbar macht. Man bekommt Lust auf diese Landschaften. Man bekommt Lust, Friedhöfe zu besuchen und als Orte des „Friedens“ zu begreifen. Und natürlich möchte man die verschiedenen Landschaften und Städte Italiens auch selbst näher erkunden. Es ist immer ein wenig Mystik, die mitschwingt, wenn Frau Kinsky die alltäglichen Erlebnisse beschreibt.

Erinnerung wird in „Hain“ etwas Lebendiges, auch wenn es um die Toten geht, an die die Protagonistin auf ihrer Italienreise denkt. An ihren Mann M. denkt sie in einer Erinnerung der leisen Berührung der Hände wieder, an ihren Vater als sie einen kleinen Sperber beobachtet.

Dieser Roman ist eine Ode an Italien, an ein Land, das jenseits von Rom, Rimini und Tirol viel Raum für Suche erlaubt. Wer Trauer besser begreifen möchte oder auch wer Italien besser verstehen will, ist mit diesem Buch gut aufgehoben.

Esther Kinsky: Hain, Suhrkamp, Berlin, 287 Seiten, ISBN-13: 9783518427897

 

Julia Alice Böhne

4321 von Paul Auster

Der Zufall und welche Auswirkungen er auf das Leben haben kann, ist ein zentrales Thema in Paul Austers bisherigem Werk. In seinem neuesten Roman mit dem zunächst rätselhaften Titel „4321“ geht er dieser „Musik des Zufalls“ erneut auf den Grund – allerdings mit einer bisher ungekannten Konsequenz und Bedingungslosigkeit. Die Leserinnen und Leser begleiten die Hauptfigur Archie Ferguson, vom auktorialen Erzähler Auster liebevoll „Ferguson“ genannt, durch vier Variationen seines Lebens, die sich in je sieben Kapiteln nebeneinander entfalten. Sehr deutlich werden hierbei immer wieder Parallelen zu Austers eigenem Leben erkennbar – angefangen mit dem Geburtsjahr 1947, über das Heranwachsen in einer weitverzweigten jüdischen Familie im New York der 50er und 60er Jahre, dem Interesse für Baseball, der Liebe zu „Laurel und Hardy“- Filmen und der Leidenschaft für das Schreiben.

Gleichzeitig ist 4321 ein klassischer Coming-of Age-Roman, in dem der Protagonist mit den üblichen Herausforderungen und Fragen junger Menschen zu kämpfen hat – das jedoch gleich auf vier unterschiedlichen Lebenswegen. Archie Ferguson ist immer Archie Ferguson – zumindest genetisch  –  und doch verläuft sein Leben trotz zahlreicher Parallelen in den vier Varianten unterschiedlich und hat dementsprechende Auswirkungen auf sein Wesen und seine Persönlichkeit. Und damit verändert sich wiederum seine Wahrnehmung der turbulenten politischen und sozialen Geschehnisse und Verwerfungen in den USA der 50er bis 70er Jahren, die Auster immer wieder spannend und lebendig in die Erzählung einbindet.

Trotz aller Zuneigung zu seiner Hauptfigur baut Auster immer wieder die nötige Distanz auf, verändert die Sichtweise auf die einzelnen Fergusons im Erzählstrang und lässt sie das Leben in all seiner Härte und Brutalität, aber auch Schönheit und Leichtigkeit erfahren. Gleichzeitig fehlt es dem Roman nicht an Humor und Ironie, das zeigt allein schon der Beginn der Erzählung – der die Familienchronik der Fergusons mit der Abwandlung eines alten jüdischen Witzes beginnen lässt: Archies Großvater, der als jüdischer Russe in die USA immigriert, wird auf der Überfahrt nach New York geraten, er solle sich dort lieber einen amerikanisch klingenden Nachnamen wie Rockefeller zulegen. Bei Ankunft auf Ellis Island ist der Neu-Amerikaner jedoch so überwältigt, dass ihm dieser wohlklingende Name nicht mehr einfallen will. So antwortet er auf die Frage des Beamten nach seinem Namen auf Jiddisch „Ich hob forgessen!“ und wird so zu „Ichabold Ferguson“. Wie anders wäre sein Leben – und das seiner Nachkommen – wohl als Rockefeller verlaufen?

Die Sorge, dem Roman könnte auf über 1200 Seiten die Luft ausgehen, ist unbegründet: Selten habe ich ein vergleichbar langes Werk auch nur annähernd so gefesselt verschlungen. Der unweigerliche Abschied von Ferguson, den der Roman mit rund 30 Jahren in sein(e) Leben entlässt, fiel mir schwer. Einziger Trost war das überraschende Ende, mit dem Auster das Gelesene raffiniert in ein neues Licht rückt und die Leserinnen und Leser fast dazu verleitet, noch einmal von vorne anzufangen.

Paul Auster: 4321, Rowohlt, Reinbek, 1264 Seiten, ISBN-13: 9783499271137



Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.

Heinrich Heine