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Gastbeiträge

Super-GAU ZZR

Super-GAU ZZR

 18.09.2018  Gastbeiträge  0 Kommentare  Dr. Carsten Zielke

Seltsamerweise haben Aktuare, Kapitalanleger, Aufseher, Analysten und die Verbraucherschützer gemeinsame Lobbyarbeit versucht: die Zinszusatzreserve, kurz ZZR, zu ändern.

Was ist die ZZR? Es ist eine Zusatzreserve, die für die Lebensversicherungsverträge gebildet wird, die einen höheren Garantiezins haben als der durchschnittliche risikofreie Zins der letzten zehn Jahre (vereinfacht ausgedrückt). Dieser Referenzzins betrug für das Jahr 2017 2,21%. Wenn ich also einen Lebensversicherungsvertrag mit 4% jährlicher Garantieverzinsung habe, muss eine zusätzliche Rückstellung für diesen Vertrag wie folgt gebildet werden: ((4%-2,21%)* Versicherungstechnische Rückstellung * 15 Jahre).

Zurzeit sind 89% aller versicherungstechnischen Rückstellungen der Zinszusatzreserve von der ZZR betroffen. Eigentlich müssten die Versicherer dieses Jahr 27 Mrd. € in die ZZR hinzufügen. Das geschieht in der Regel, indem Wertpapiere mit Bewertungsreserven verkauft werden. Das Problem ist nur, dass einige Gesellschaften keine Bewertungsreserven mehr haben. Außerdem ist das Veräußern dieser Papiere nicht gut für die Kunden, da sie dadurch einen niedrigeren laufenden Zins bekommen.

Verzögerte ZZR-Debatte zwingt Versicherer zum Pokern

Von daher haben sich die verschiedenen Interessengruppen zusammengetan, um eine Änderung dieser Berechnungsformel zu erzielen. Konkret haben die Aktuare eine recht komplizierte Methodik vorgeschlagen, die das An- und Abschwellen der ZZR abdämpft- die sog. Korridormethode.

Die Bundesregierung hat eine solche Änderung zugesagt und wollte sie zunächst noch vor der Sommerpause umsetzen. Die Versicherungsunternehmen waren erleichtert und haben ihre Realisierungsprogramme der Bewertungsreserven eingestellt. Doch gekommen ist die Erleichterung bis heute noch nicht. Anscheinend wurden unsere Mahnungen erhört und ein für Oktober angekündigter Verordnungsentwurf bereits Mitte September erschienen. Hierin werden die Interessengruppen aufgefordert bis Ende September Stellung zu nehmen. Das bedeutet aber, dass es keinesfalls sicher ist, dass die Verordnung tatsächlich bis zum Ende des Jahres kommt, sollte es Klärungs- bzw. Anpassungsbedarf geben. Die Lebensversicherer können jetzt nur pokern: entweder sie bauen auf eine Veränderung des Rechenmechanismus der ZZR oder sie gehen auf Vorsicht. Dann wären sie gezwungen so zu tun, als käme der Erleichterung erst im nächsten Jahr: alle, bis auf die, die keine Reserven mehr haben. Diese müssen -wenn die Erleichterung doch nicht kommt- die BaFin über ihre Situation informieren und könnten gezwungen sein, die Mindestzuführungsverordnung auszusetzen.

Unnötige Schädigung der Interessen der Verbraucher und Anteilseigner

Dies wäre eine unnötige Schädigung der Interessen der Verbraucher, aber auch Anteilseigner, nur weil die Regierung nicht rechtzeitig dieses Thema priorisiert hat. Sicher, die neue Methodik zur Berechnung der ZZR kann nur eine temporäre Maßnahme sein. Wir benötigen eine grundsätzliche Reform der Rechnungslegung- nur braucht das mehr Zeit. Die aktuelle Versicherungsrechnungslegung nach HGB wurde von den goldenen 60er Jahren geprägt- Wachstum, hohe Zinsen. All das gilt heute nicht mehr. HGB kann nicht mit Null- oder Negativzinsen umgehen- deswegen hat man die Zinszusatsreserve erfunden. Angesichts der Einführung von Solvency II und dem Inkrafttreten des modernen internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS 17 ergibt sich eine Chance, für den Verbraucher und Anteilseigner einen transparenteren und rationelleren Ansatz zu wählen.

Nachdem die Regierung nun die ZZR-Debatte im Halbschlaf behandelt hat, wäre ein Weckruf für eine nachhaltige Transparenzsteigerung mit einfacheren Methoden als die derzeit vorgeschlagenen gegeben. Das erfordert aber Arbeit - im voll fitten Zustand.


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