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Kleinleins Klartext

Ein Jahr Corona - Rückblick aus Sicht der Versicherten

Ein Jahr Corona - Rückblick aus Sicht der Versicherten

 25.03.2021  Kleinleins Klartext  0 Kommentare  Axel Kleinlein

Einleitender Vortrag zur 31. Wissenschaftstagung des Bund der Versicherten e. V.

Ein herzliches Willkommen von mir im Namen des Vorstands. Ich freue mich, dass wir trotz der Widrigkeiten unsere Wissenschaftstagung durchführen, auch wenn ich die persönlichen Begegnungen sehr vermisse. Neben den Vorträgen und den Fachdiskussionen ist es ja auch der persönliche Austausch, der die Tagung so spannend macht. Ich hoffe, dass wir uns in zwei oder drei Jahren wieder in persona treffen können – und ich dann vielleicht auch wieder beim gemeinsamen Abendessen etwas musizieren kann, so wie vor zwei Jahren. Da haben Herr Lörper und ich etwas für Sie gejazzt.

Eine weitere Vorbemerkung sei mir noch erlaubt: Anders als vor zwei Jahren oder den Jahren davor erheben wir keine Teilnahmegebühr. Sie sind alle herzlich willkommen gratis teilzunehmen und mitzudiskutieren. Umsonst ist aber auch diese Wissenschaftstagung nicht. Sie können uns sehr einfach und unkompliziert mit einer Spende unterstützen. Auf der Anmeldeseite zu dieser Tagung finden sie einen PayPal-Button, der das sehr einfach macht. Spendenquittung gibt es auf Wunsch natürlich auch – wir sind ja gemeinnützig.

Nun aber in medias res – und ich versuche mich an einem Rückblick…

„Ein Jahr Corona – Rückblick aus Sicht der Versicherten“

Ein solcher Rückblick ist nicht ganz einfach. Das hat mit dem Gedanken an eine seltsame Selbstbezüglichkeit zu tun, den ich kurz entwickeln möchte….

Etwas über ein Jahr sind wir nun also mehr oder weniger stetig im Lockdown. Unser Alltag hat sich radikal verändert. Egal ob es ums Einkaufen geht, um die Arbeitssituation oder um unsere menschlichen Kontakte – vieles ist gänzlich anders geworden.

Vor einem Jahr hatten wir noch Gedanken, wie es denn wohl sein wird, wenn wir im Sommer in den Alltag zurückkehren würden. Es kam anders. Selbst dieses Jahr wird es wohl im Sommer noch Einschränkungen geben und wir sehen schon jetzt, dass sich vieles verändert haben wird. Einige Geschäfte, Kaufhäuser, Kneipen, Cafés werden geschlossen haben und auch sonst bekommen wir so langsam eine vage Ahnung von dem, was uns in der Nach-Corona-Zeit erwarten wird.

So ziemlich alle Lebensbereiche sind von der Pandemie betroffen – auch die Versicherungswelt. Wir konnten das im Bund der Versicherten schon mitbekommen und beobachten.

Versicherte verändern ihren Blick auf die Assekuranz

Woran wir das erkennen konnten, dass Versicherte Dank Corona ihren Blick auf die Assekuranz veränderten? An erster Stelle natürlich dadurch, dass sich viele unserer Mitglieder anscheinend ihre Versicherungsordner etwas genauer anschauen.

Es mag vielleicht daran liegen, dass viele im Lockdown mehr Zeit haben, sich mit ihren Versicherungen zu beschäftigen. Welche Absicherungen brauche ich eigentlich? Passen die Verträge eigentlich noch zu mir? Habe ich womöglich noch anderen Versicherungsbedarf? Dies alles sind Fragen, mit denen unsere Mitglieder an unsere Berater herantreten und dann auch Hilfe bekommen.

Aber es geht nicht nur darum, den Versicherungsordner aufzuräumen. Corona führt für viele Verbraucher*innen und Verbraucher auch zu neuen Versicherungsfragen, die sich vorher noch nicht stellten.

Corona führt zu neuen Versicherungsfällen

Corona führt ja auch zu Versicherungsfällen. Zahlt meine Reiseversicherung? Bin ich abgesichert, wenn ich aufgrund einer Corona-bedingten Erkrankung berufsunfähig werde? Zahlt mir die private Krankenversicherung einen Coronatest? Ich könnte noch sehr lange mit solchen Fragen weitermachen, tue ich aber nicht, denn auf unserer Corona-Page des BdV kann jeder nachschlagen. Wir geben uns ja einen harten Battle mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, dem GDV, wenn es darum geht beim Thema „Corona und Versicherung“ gegoogelt zu werden. Meistens stehen wir vor dem GDV.

Die Fragen der Versicherten gehen aber auch weiter: Müsste ich nicht etwas von meinem Geld bei der Kfz-Versicherung zurückbekommen, weil ich ja viel weniger Auto fahre? Wie steht es um meine Lebensversicherung angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage durch Corona? Mit solchen Fragen zu Versicherungen werden die Folgen der Pandemie antizipiert. Diese Fragen machen die Verunsicherung deutlich, Risikosituationen einschätzen zu können.

Wie kann das nun bewertet werden? Bedeutet der vertiefte Blick in den Versicherungsordner, dass ein stärkeres Bewusstsein für die Probleme rund um das Thema Versicherung entstanden ist? Sind die Verbraucherinnen und Verbraucher nun stärker auf Risiken sensibilisiert?

Sind Verbraucher*innen stärker für Risiken sensibilisiert?

Es sind nun aber auch die stark veränderten Lebensumstände, die solche Beobachtungen vermutlich nicht verallgemeinern lassen. Die jeweils ganz persönliche Lebenssituation hat sich oft massiv verändert und hat womöglich eher im Nachgang einen Versicherungsbezug.

Die ganz persönlichen Lebenssituationen stellten sich im letzten Jahr oft dramatisch anders dar. Es gibt viele Menschen, die stark darunter leiden, dass sie mit der Familie eng aufeinandersitzen und sich zum Beispiel mit Distanzunterricht des Nachwuchses herumschlagen müssen. Der Gang ins Büro ist dann für die eine oder den anderen auf einmal geradezu entspannend. Der Bürostress ist dann ein willkommener Ausgleich.

Es gibt aber auch das Gegenteil, ich persönlich kenne das zum Beispiel sehr gut. Es gibt ja auch viele, die alleine leben, alleine sind und im Lockdown unter Einsamkeit leiden - wenn etwa über mehrere Tage die Kassiererin im Supermarkt der einzige „echte“ Mensch, ist, mit dem man reden kann. Das kann sich darin ausdrücken, dass ein Haustier diese Einsamkeit erträglicher machen soll. Und so kommt es, dass Tierversicherungen auf einmal einen Boom erleben.

Trends

Der Trend zum Haustier ist übrigens auch bei Familien zu beobachten. Auch bei uns im Vorstand kann man das feststellen, hat doch nun mein Kollege Stephen Rehmke seit Neuestem mit „Krabbe“ einen Kater als neues Familienmitglied.

Auch wenn das auf meinen Kollegen nicht zutrifft, stimmt es doch bei vielen neuen Herrchen und Frauchen: Eine Tierversicherung wird abgeschlossen! Tierversicherer erleben deutliche Zuwächse, diese Versicherungssparte gehört zu den Gewinnern des letzten Jahres.

Es wird vermutlich schwierig sein, aus diesem Haustier-Boom einen nachhaltigen Trend zu mehr Tierversicherungen abzuleiten. Es gilt eben vermutlich bei dieser Beobachtung den Corona-Effekt zu berücksichtigen, der diese Versicherungssparte aktuell so erfolgreich macht.

Anders der für 2020 zu beobachtende Misserfolg bei der Lebensversicherung. Hier ist die Anzahl neu abgeschlossener Verträge um zwölf Prozent gesunken. Der Lobbyverband, der GDV, führt dies auf verschobene Beratungstermine zurück. Vorstellbar ist aber auch, dass die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen von Corona auch die Befürchtungen vor schwächelnden Versicherern noch mehr verstärkt hat.

German-Angst

Hier stelle ich fest, dass die Interpretation dieser Beobachtungen schwieriger und schwieriger wird. Wie stark ist der Einfluss dieser Furcht vor der Pandemie oder gar „German-Angst“ bei solchen wirtschaftlichen Entscheidungen wie etwa bei der Altersvorsorge?

Das Infocenter der R+V-Versicherung untersucht regelmäßig „Die Ängste der Deutschen“ und hat in einer aktuellen Sonderumfrage festgestellt: „Die erzwungene Isolation und die Dauer der Pandemie befeuern die Ängste.“ Die schlechte Wirtschaftslage ist dabei ein Haupttreiber der Angst. „Mit 59 Prozent ist die Furcht vor einem Konjunktureinbruch auf dem höchsten Wert seit zehn Jahren,“ erklärt die R+V. Ob dies dann auch Auswirkungen auf den Kauf von Versicherungen hat, kann daraus aber vermutlich nicht direkt abgeleitet werden.

Es gibt ja bei solchen Statistiken immer wieder das Problem, dass derartige Zahlen nur schwer interpretiert werden können. Scheinbar durch Zahlen belegte Korrelationen sind noch lange kein Beweis, dass ein kausaler Zusammenhang besteht. Oder will jemand behaupten, dass der Rinderwahnsinn den Brexit verursacht hat? Schließlich gibt es eine scheinbare statistische Korrelation zwischen den Gegenden, in denen die „Mad Cow Disease“ ausgebrochen ist und in denen eine große Mehrheit für den Brexit gestimmt wurde.

Zahlen lügen zwar nicht, aber mathematisch korrekte Interpretationen aus diesen Zahlen können trotzdem falsch sein. Deshalb ist es wichtig, auch bei Corona-Beobachtungen seriös zu argumentieren.

Fallstrick Selbstbezüglichkeit

Bei Corona ist es noch um einen Grad komplizierter. Wer die aktuellen Corona-Beobachtungen interpretieren will, der muss noch einem anderen zusätzlichen Fallstrick entgehen - der Selbstbezüglichkeit.

Denn jede und jeder Einzelne ist von der Pandemie betroffen, muss Einschränkungen hinnehmen, hat Ängste und muss immer wieder erneut mit sich selbst ins Gericht gehen, um Verzicht zu akzeptieren oder eigene Verhaltensweisen zu rechtfertigen.

Wer sich objektiv und neutral einem Untersuchungsobjekt nähern will, der betrachtet die beobachteten Fakten, stellt sie in einen Zusammenhang und kann – wissenschaftliche Akkuratesse vorausgesetzt – dann Ergebnisse ableiten. Die britischen Naturphilosophen um Newton und der Royal Society haben mit dieser Überzeugung wichtige Grundlagen für unsere moderne Welt gelegt. Und diese Art zu argumentieren klappt meist auch.

Das Doppelspalt-Experiment

Physiker wissen aber, dass diese Überzeugung so heute nicht mehr haltbar ist – zumindest in der Quantenphysik. Seit dem sogenannten „Doppelspalt-Experiment“ ist bekannt, dass die Frage, ob und wie ein Experiment beobachtet wird, das Ergebnis des Experiments beeinflusst. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn ich hingucke, dann ist das Ergebnis ein anderes, als wenn ich nicht hingucke. Der Beobachter ist also untertrennbarer Teil des zu erforschenden Phänomens.

Auch Philosophen haben sich mit ähnlichen Gedanken auseinandergesetzt: Das Gedankenexperiment der „Gehirne-im-Tank“ bezieht sich auf einen solchen Sachverhalt. Man stelle sich ein Gehirn in einer Nährlösung vor, das durch Elektroden solche Impulse versetzt bekommt, dass es den Anschein hat, es wäre das Hirn eines echten Menschen, der spazieren geht, isst und ganz normal lebt – so wie etwa im Kinofilm „Matrix“. Bei diesem Gedankenexperiment stellt sich nun die Frage, ob das Gehirn im Tank überhaupt sinnvoll darüber sinnieren kann, ob es ein Gehirn im Tank ist oder nicht? Kann es überhaupt Erkenntnisse über die Welt erlangen oder nicht?

Wir sind Teil des Betrachtungsobjekts

Glücklicherweise geht es in unseren Betrachtungen zu Corona nicht ganz so existenziell zu. Aber wir können nicht verleugnen, dass wir auch alle selber Teil des Betrachtungsobjekts sind. Wenn wir über Corona und die Folgen reden, dann sind wir sowohl Betroffene als auch Akteure. Wir können nicht vollständig emotionslos auf dieses Thema schauen und wir sind auch nicht vollständig schuldlos an den Entwicklungen, die wir beobachten.

Ich bin kein Wissenschaftler, auch wenn ich Mathematik und Philosophie studiert habe. Aber ich versuche bei solchen Betrachtungen ein wenig dessen, was ich an der Universität erlernen durfte, anzuwenden, um zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen.

Umso mehr freue ich mich , wenn ich jetzt denjenigen zuhören darf, die eine wissenschaftliche Neutralität zu ihrer Profession gemacht haben. Die mit ihrer Expertise und Erfahrung die verschiedenen Aspekte des Themenfelds „Versicherung und Corona“ beackern werden.


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