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Kleinleins Klartext

Wo Horoskope transparenter sind als die Lebensversicherer

Wo Horoskope transparenter sind als die Lebensversicherer

 02.10.2019  Kleinleins Klartext  0 Kommentare  Axel Kleinlein

Transparenz ist der Schlachtruf, mit dem Verbraucherschützer immer wieder aufs Neue in den Kampf ziehen. Mit Nebelkerzen versuchen die Versicherer stattdessen immer wieder, Transparenz zu verhindern. Klare Aussagen? Verlässliche Angaben? Nachvollziehbare Entscheidungen? Genau die wollen die Versicherungslobbyisten anscheinend aber gerne vermeiden.

Ich bin seit Jahren in diversen Gremien, Diskussionszirkeln und Anhörungen, bei denen es immer wieder genau um dieses Thema geht. Im Moment tut sich da viel in Europa. Egal ob PRIIPS, IBIPS oder PEPP. Immer wieder geht es konkret darum, wie transparent die Informationen sein sollen, die den Kundinnen und Kunden zur Verfügung gestellt werden.

Konkret ging es letzthin zum Beispiel um die Frage: Was antwortet man den Versicherten, wenn sie wissen wollen, was am Schluss in Euro und Cent als Leistung ausgezahlt wird?

Ein Blick in die Vergangenheit gibt da ein ziemlich klares Bild. Über viele, viele Jahrzehnte erhielten die potentiellen Neukundinnen und Neukunden sogenannte Modellrechnungen. Da wurde dann sehr präzise, oft auf den Pfennig genau (!) vorgerechnet, was denn zu erwarten wäre, wenn der Vertrag regulär ausgelaufen ist.

Die goldenen 80er und 90er

In den goldenen Jahren der 80er und 90er haben die Unternehmen zuweilen sogar nur sehr verschämt die garantierte Leistung ausgewiesen und stattdessen die Leistung mit Überschussbeteiligung besonders auffällig gestaltet. Die Kundinnen und Kunden bekamen dann den Eindruck, dass das Werte wären, auf die man sich verlassen könne.

Klar haben die Versicherer immer so getan, als hätten sie das alles im Griff. Zwar wäre die Überschussbeteiligung nicht sicher. Aber eigentlich wäre das ja egal. Denn es gäbe keinen Zweifel daran, dass das schon immer so weitergehen könne. Und wenn jemand so richtig nachgebohrt hat, dann haben die Unternehmen seit Mitte der 90er gerne auf den „Verantwortlichen Aktuar“ verwiesen, den Chefmathematiker. Denn der habe das ja ganz mathematisch genau im Griff. Es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Dass das falsch war, das wissen wir heute. Denn genau diese „Verantwortlichen Aktuare“ haben sich ziemlich verkalkuliert. Mittlerweile gehen viele Überschüsse nicht mehr als Zusatzleistung an die Versicherten, sondern müssen als Zinszusatzreserve die fehlkalkulierten Garantien sichern. Die früher in Aussicht gestellten Ablaufleistungen sind dann natürlich nicht mehr zu erreichen. Der Frust der Versicherten ist groß. Natürlich fühlen sie sich betrogen (deswegen sprechen wir ja vom legalen Betrug).

Der Trick

Damit ist das Problem deutlich: Was sagt man denn jemandem, der wissen will, was er am Schluss aus seinem Vertrag ausgezahlt bekommen wird? Die Versicherer haben aber eine Lösung dafür, was sie Neukundinnen und Neukunden jetzt antworten wollen, wenn sie das gefragt werden: Der Trick ist nämlich, den Kundinnen und Kunden nichts Verlässliches mehr zu sagen!

Da sollen dann die katastrophal niedrigen Rentenhöhen hinter stochastischen Modellen versteckt werden. Da hätte man dann mit der „Monte-Carlo-Methode“ ermittelt, wie unter Annahme volatiler Märkte das Minimum- und Maximum-Dezil wäre. Dementsprechend könnten die Versicherten dann mit einer Ablaufleistung zwischen 20.000 Euro und 300.00 Euro rechnen. So oder so ähnlich lauten dann die Prognosen, die den Versicherten an die Hand gegeben werden.

Das was die Versicherer noch an Informationen weitergeben wollen, ist so wenig belastbar, dass die Rubrik „Geld“ im Tageshoroskop genauer ist. Die Versicherer haben Angst davor, dass sie später einmal Rechenschaft abgeben sollen, warum sie ihren Kundinnen und Kunden vollkommen überzogene Zahlen genannt haben.

Die Prognose

Klar ist es schwer, Prognosen aufzustellen. Natürlich müsste man dann vorsichtige Annahmen treffen. Selbstverständlich sind die Ablaufleistungen oder Rentenhöhen dann erbärmlich niedrig. Sicher wird es dann nur wenige Menschen geben, die sich auf derart unrentable Verträge einlassen. Zweifellos müssten die Lebensversicherer dann auf einen guten Teil des Neugeschäfts verzichten. Auf alle Fälle wäre das dann aber endlich gelebte Transparenz.

Stattdessen gibt es aber etwa folgende Aussage, was man erwarten könne, nachdem 100.000 Euro in einen Rentenvertrag geflossen sind, bei dem die Rente mit 67 startet: Es gäbe eine garantierte Rente von 140 Euro im Monat, mit Überschüssen aber im Falle des pessimistischsten Dezil gäbe es schon 170 Euro, nach optimistischem Dezil sogar 340 Euro, nach Median aber immerhin 290 Euro. Der Versicherer ergänzt natürlich, dass das alles aber natürlich keinesfalls belastbare Zahlen sind.

Das ist weder genau noch hilfreich. Altersvorsorge ist damit weder planbar noch verlässlich. Das was die Versicherer an Informationen liefern, ist nur noch in einer einzigen Zahl wirklich sicher. Dann nämlich, wenn es darum geht, was die Versicherten zahlen sollen. Denn das ist festgelegt. Auf den Cent genau.

Das Horoskop

Da halte ich mich dann lieber an das Horoskop: „Verlassen Sie sich nicht auf die Empfehlungen enger Freunde, halten Sie ihren Geldbeutel verschlossen.“ Das heißt dann in die Versicherungswelt übersetzt: Finger weg von einer Lebensversicherung, die Ihnen vom Vereinskumpel angeboten wird. „Freuen Sie sich auf eine finanzielle Überraschung, sie ist aber trügerisch und nicht von Dauer“ bezieht sich auf eine Standmitteilung Ihrer Lebensversicherung, in der Ihnen eine Schlussüberschussbeteiligung in Aussicht gestellt wird, die Sie dann aber eh nicht bekommen. Und wenn Ihnen das Horoskop sagt „Schnallen Sie den Gürtel enger“, dann wird Ihnen bestätigt, dass Sie wohl den Fehler gemacht haben, sich auf eine Lebensversicherung als Partner für die Altersvorsorge zu verlassen.

PS: Richtig schwierig wird das für die Lebensversicherer, wenn die „säulenübergreifende Renteninformation“ kommt. Dann müssen sie nämlich Farbe bekennen, welche Leistungen die Versicherten erwarten können. Und zwar in Euro und Cent - und nicht in Wahrscheinlichkeiten.


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