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Versicherungen verstehen

Rabatte, Rabatte

Rabatte, Rabatte

 23.09.2016  Versicherungen verstehen  1 Kommentar  Kim-Bastian Jöns

Seit ich beim Verbraucherschutz arbeite, höre ich ganz genau hin. Ich höre ganz genau hin, wie die Versicherungsbranche ihre Produkte bewirbt. Ein Werbeaufritt im Radio ist mir zuletzt besonders aufgefallen.

Ein offenkundig hocherfreuter Mann erzählt seiner Frau, dass er sich endlich eine neue Kamera kaufen kann. Schnell sieht er sich mit der kritischen Frage konfrontiert, woher das Geld für diese Anschaffung denn kommen soll. Was die Dame des Hauses noch nicht weiß: Seit Neuestem ist man gut versichert. Endlich gibt es Geld von der Versicherung zurück, wenn man keinen Schaden gemeldet hat.

Das klingt beim ersten Hinhören wirklich fair. Einfach soll es auch sein – ganz ohne Wechsel des Versicherers.
Allerdings werden einige, durchaus entscheidende Details in diesem Werbeauftritt dabei nicht näher erläutert. Diese sind für die daraus resultierenden Fragestellungen aber essentiell:
Wie funktioniert das? Wie verdient der Anbieter, der diese Garantie ausspricht, daran? Kann man ein solches Angebot bedenkenlos annehmen und dabei wirklich bares Geld sparen?

Antworten auf diese Fragen finden sich, wenn man etwas zurückblickt.

Bereits im Mittelalter schlossen sich Landwirte zusammen und legten von ihrem Verdienten einen kleinen Anteil in einen gemeinsamen Topf, um das Risiko, dass der Hof und damit die eigene Existenzgrundlage abbrennen werde, gemeinschaftlich abzusichern. Der Versicherungsgedanke und damit auch die erste Versicherungsgemeinschaft waren geboren und haben sich im Wesentlichen bis heute nicht verändert.

Geld-zurück-Garantie

Im Grunde funktioniert das Angebot der „Geld-zurück-Garantie“ auf dieselbe Art und Weise.
Um Beiträge zurückzuerhalten, müssen Sie dem werbenden Anbieter im ersten Schritt einen Maklerauftrag erteilen. Sie wechseln also nicht direkt den Risikoträger, aber den Berater. Das ist auch notwendig – wird aber bewusst verschwiegen. Mit dem frisch erteilten Maklerauftrag kann der Berater losziehen und mit Ihrer Versicherung einen neuen Vertrag verhandeln. Und das tut er nicht nur mit Ihren Verträgen, sondern auch mit allen anderen Verträgen, die er durch die ganzen erteilten Makleraufträge verwalten darf.

In diese Verträge wird nun im nächsten Schritt mit den Versicherern eine Selbstbeteiligung im Schadensfall vereinbart. Die dadurch entstehende Beitragsersparnis fließt in einen separaten Topf, in den auch alle anderen Versicherungsnehmer einzahlen, die Beiträge zurückgezahlt bekommen wollen.

Es wird hier also eine eigene kleinere Versicherungsgemeinschaft in einer bestehenden Versicherungsgemeinschaft geschaffen.
Für Sie, den Verbraucher, ändert sich hierbei augenscheinlich nichts. Sie bezahlen weiter denselben Versicherungsbeitrag und erhalten auch im Schadensfall dieselbe Leistung. Nun wird aber die eigentlich vereinbarte Selbstbeteiligung in Ihrem Vertrag durch alle Einzahler, also der neu entstandenen Versicherungsgemeinschaft, getragen.

Ist Ihnen im laufenden Versicherungsjahr kein Schaden entstanden, erhalten Sie aus den verbleibenden Beiträgen im Topf eine anteilige Rückzahlung Ihrer Beiträge, welche Sie in diesen Topf gezahlt haben.

Leider viele Fragen offen

Hierbei bleiben leider noch zu viele offene Fragen. Ist die Versicherungsgemeinschaft groß genug? Was geschieht in schlechten, schadensstarken Jahren? Was geschieht, wenn der Versicherer keine Selbstbeteiligungen in den Tarifen zulässt?

Was aber besonders störend auffällt, ist die fehlende Transparenz dieses Systems. Ich sage: Wer etwas verheimlicht, hat etwas zu verbergen. Insbesondere der Betreuerwechsel wird verschleiert und für den versprochenen Effekt gibt es eine erwähnenswerte Alternative: Statt Versicherungsbeiträge am Ende des Jahres zurückzuerhalten, können Sie diese einfach gar nicht erst zahlen indem Sie eigenständig Selbstbeteiligungen mit Ihrem Versicherer vereinbaren oder zu einem günstigeren Anbieter wechseln. Von dieser Ersparnis muss dann auch nichts abgegeben werden.

Unsere Mitglieder berate ich gerne darüber, an welchen Stellen man sinnvoll ohne wesentliche Leistungseinbußen Beitrag sparen kann.
Und ich verspreche Ihnen: Das ist fair, das ist transparent und ich greife nicht in die Schatulle, um meinen Anteil rauszunehmen. Das vorgestellte Versicherungskonzept hingegen überzeugt nur im Werbeauftritt. Eine Empfehlung kann man hier beim besten Willen nicht aussprechen.


Kommentare
Kommentar von Lukas Schmidt  am  23.09.2016 18:13
Hallo Herr Jöns,

auch mir ist die von Ihnen zitierte Werbung aufgefallen, die, wie so viele andere ihrer Art in der heutigen Zeit, ein neues, geniales Produkt bejubeln. Der Hörer fragt sich, warum noch kein anderer Anbieter auf diese geniale und kundenfreundliche Idee gekommen ist.

Die Antwort darauf steckt, wie der sprichwörtliche Teufel, in der Regel im Detail. Von den jubelnden und grinsenden Werbefiguren entkleidet bietet sich ein Produkt dar, das die großartig beworbenen Vorteile mit (verschwiegenen?) Nachteilen erkauft.

Als Fachfremdem bleiben einem diese Details leider oft nebulös oder ganz im Verborgenen. Daher möchte ich Ihnen, Herr Jöns, danken, dass in diesem konkreten Fall das ganze Modell von Ihnen vorgestellt wurde und eine Entscheidung über das beworbene Produkt erleichtert wird.

Beste Grüße
Lukas Schmidt

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