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Versicherungen verstehen

Wenn man den Beruf nicht mehr ausüben kann – wohl dem, der richtig versichert ist

Wenn man den Beruf nicht mehr ausüben kann – wohl dem, der richtig versichert ist

 09.02.2016  Versicherungen verstehen  2 Kommentare  Heiko Gaußmann

Gehören Sie auch – wie ich – zu den bedauernswerten Menschen, die zum Bestreiten ihres Lebensunterhaltes arbeiten gehen müssen?

Wenn Sie dazugehören, sollten Sie unbedingt weiterlesen.

Hohe Wahrscheinlichkeit, erwerbsgemindert zu werden

Betrachtet man sich die Statistiken der Deutschen Rentenversicherung (z. B. Rentenversicherung in Zeitreihen 2015, S. 62), stellt man zunächst fest, dass es in Deutschland jede Menge Bezieher von gesetzlichen Renten gibt. Schaut man genauer hin, so kann man erkennen, dass jede fünfte bis sechste Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit gezahlt wird.

Es liegt nah, wenn man daraus den Schluss zieht, dass die Wahrscheinlichkeit ausgesprochen hoch ist, vor Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage zu sein, am Erwerbsleben teilzunehmen.

Nun mögen Sie einwenden, dass die Statistik doch gerade zeigt, dass es für diese Fälle die gesetzliche Erwerbsminderungsrente gibt.

Da haben Sie natürlich Recht. Doch diese Statistik verrät nicht die ganze Wahrheit. Nicht jeder, der aus gesundheitlichen Gründen außerstande ist, seinen bisherigen Beruf auszuüben, überwindet die hohen Hürden für den Bezug der gesetzlichen Rente wegen Erwerbsminderung.

Vielmehr darf das individuelle Leistungsvermögen eine „Verwertbarkeit“ auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unter den üblichen Bedingungen nicht mehr zulassen: der häufig bemühte Job als Pförtner eben. Auch wenn das Pförtnerbeispiel zugegebenermaßen deutlich zugespitzt ist und in der Regel nicht passt, so zeigt es doch ganz klar die Richtung: Die gesundheitliche Beeinträchtigung muss ausgesprochen hoch sein.

Aber auch wer diese Hürde genommen hat, sollte sich nicht zu früh freuen. Zur Erinnerung: Die Erwerbsminderungsrente soll ein Ersatz für das Erwerbseinkommen sein. Sie soll also dazu dienen, davon den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Schauen wir zur durchschnittlichen Höhe der gezahlten Erwerbsminderungsrenten wieder in die Statistik der Deutschen Rentenversicherung (Rentenversicherung in Zahlen 2015, S. 34 ff.).

Wir werden gewahr: 754 Euro bei voller Erwerbsminderung und 548 Euro bei teilweiser Erwerbsminderung (alte Bundesländer). In den neuen Bundesländern sieht es nicht besser aus: 705 Euro bzw. 433 Euro.

Ich weiß nicht, wie Sie das beurteilen. Für mich jedenfalls steht fest: Das gesetzliche Schutzniveau ist deutlich zu gering.

Qualifizierte Arbeitskraftabsicherung

Für eine angemessene Absicherung bleibt daher nur die private Vorsorge, der Abschluss einer qualifizierten, d. h. eine auf die individuellen Bedürfnisse angepasste, Absicherung gegen das Risiko, seine Arbeitskraft zu verlieren.

Dies muss nicht notwendigerweise immer und ausschließlich eine private Berufsunfähigkeitsversicherung mit den allerbesten Bedingungen sein.

Eine solche Versicherung bietet zwar ohne jeden Zweifel das höchste Schutzniveau. Und jeder, der die Möglichkeit hat, eine solche Versicherung abzuschließen, sollte dies nach Möglichkeit bereits in jungen Jahren auch tun.

Nun ist es aber so, dass sich die Prämie einer solchen Absicherung vor allem an dem Beruf orientiert, der bei Antragstellung ausgeübt wird. Gerade bei handwerklichen Tätigkeiten ist das Risiko, aus gesundheitlichen Gründen diese Tätigkeit irgendwann nicht mehr ausüben zu können, deutlich höher als bei Berufen, die weit überwiegend in Büroräumen verrichtet werden.

Dies führt dazu, dass Berufe mit weit überwiegend körperlicher Tätigkeit von der Versicherungswirtschaft mit teilweise derart hohen Prämien belegt werden, dass eine angemessene Absicherung, die sich in der Regel am Nettoeinkommen orientiert, nicht mehr bezahlbar ist.

Nehmen wir das Beispiel eines Müllermeisters. Wollte er sich mit den besten am Markt derzeit erhältlichen Bedingungswerken (insbesondere mit Verzicht auf die abstrakte Verweisung) gegen das Risiko der Berufsunfähigkeit versichern, müsste er 10 bis 15 Prozent seines Nettoeinkommens aufwenden, um eben dieses abzusichern. Zum Vergleich: bei einem nicht handwerklich tätigen Akademiker wären es vier bis fünf Prozent.

Aber muss der Schutz eines Müllermeisters so weit reichen, dass er bereits dann die BU-Rente bezieht, nur weil er beispielsweise wegen einer Mehlstauballergie seinen Beruf nicht mehr ausüben kann? Reden wir hier wirklich von einer existenziellen Lücke im Versicherungsschutz?

Würde sich dieser Müllermeister in meinem Beispiel auf die abstrakte Verweisbarkeit einlassen, müsste er nur noch sieben bis neun Prozent seines Nettoeinkommens aufwenden, um eben dieses abzusichern.

Und um mit einem weit verbreiteten Irrtum aufzuräumen: Die abstrakte Verweisbarkeit eröffnet dem Versicherer nicht die Möglichkeit, den Müllermeister auf den Pförtnerjob zu verweisen. Der Verweisungsberuf muss bei den meisten Klauseln hinsichtlich Berufsausbildung, Erfahrung und vor allem Lebensstellung gleichwertig sein.

Über die Abkehr vom „Premium-BU für alle“-Paradigma wird also zu diskutieren sein.

Wir tun dies auch! Mit Anbietern, Tarifparteien, sowie mit anderen Verbraucherschützern, der Wissenschaft und Politik. Und gerne auch mit Ihnen! Nutzen Sie die Kommentarfunktion in unserem Blog unterhalb dieses Beitrages.


Kommentare
Kommentar von Werner Stadler  am  10.02.2016 11:12
Viel zu vielen Arbeitnehmer für die eine Berufsunfähigkeitsversicherung von Vorteil wäre, sind viel zu desinteressiert, viel zu viele Arbeitnehmer interessiert das Thema überhaupt nicht. Das kenne ich zur Genüge aus dem persönlichen Umfeld. Aus eigener Erfahrung, selbst wenn man andere (Arbeitnehmer) informiert, haben diese trotzdem weiterhin kein Interesse an dem Thema. Es gibt aber auch viel zu viele Arbeitnehmer die sich damit nicht auskennen und auch nicht bereit sind sich darüber zu informieren. Es besteht sehr viel Desinteresse. Wie ich in meinem privaten Umfeld feststellen konnte, besteht über kein Intersse an dem Thema Versicherung. Da werden monatlich und Jährlich Beiträge für viel zu teuere Versicherung bezahlt, günstige Alternativen werden nicht genutzt, wichtige Versicherungen wie Berufsunfähigkeitsversicherung oder ähnliches werden nicht abgeschlossen. Das sind meine sehr persönlichen Erfahrungen. Ich weiß nicht wie es anderen geht die an dem Thema interessiert sind.
Kommentar von F.  am  09.02.2016 18:18
Der beschriebene Aspekt ist sicherlich eine interessante Diskussionsgrundlage. Allerdings bleiben für diese Berufsgruppen auch noch die Erwerbsunfähigkeitsversicherung und ähnliche, günstigere, Alternativen.

Ich finde an diesem ganzen System eher "krank" (im wahrsten Sinne des Wortes), dass diejenigen, welche schon als Jugendliche oder junge Erwachsene Krankheiten oder psychische Probleme haben/hatten erst überhaupt nicht versicherbar sind. Auch nicht zu hohen Beträgen!

Konkret haben wir eine Freundin, die mit 26 (in den letzten Zügen des Studiums..) die Diagnose MS bekommen hat. Sie hat kaum eine Chance sich in irgend einer Form zu versichern, obwohl das gerade bei ihr besonders wichtig wäre. Ich habe in meinem Bekanntenkreis noch zwei weitere, ähnliche Beispiele.

Wir haben nun nach längerer Suche genau eine Versicherung gefunden, die eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung ohne Gesundheitsfragen anbietet. Ich bin bei dieser Versicherung zwar mehr als skeptisch, aber es gibt keine Alternativen.

Vielleicht sind diese Personengruppen die praktisch GAR NICHT versicherbar sind, die Gruppe, über die wir uns mehr Gedanken machen müssen.
(Wobei ich hoffe, dass die Gruppe im Vergleich zu den "teuren" Gruppen nicht so groß ist. - Dazu gibt es aber wieder keine Zahlen...)

Grüße F.

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