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Gastbeiträge

Chance vertan

Chance vertan

 08.02.2019  Gastbeiträge  0 Kommentare  Sandra Klug

Wir Verbraucherschützer kritisieren die Restschuldversicherung (RSV) und deren Vertriebspraxis schon seit Jahrzehnten. Im Kern der Kritik stehen regelmäßig die hohen Versicherungsprämien, deren „Vorleistung“1 durch die Kreditnehmer sowie die Erstattungspraxis für nichtverbrauchte Prämien. Unklar ist zudem, wie vielen Versicherten überhaupt Leistung gewährt wird.

Dieser Frage sind die Marktwächter im Rahmen einer Anbieter-Befragung jetzt nachgegangen. Konkret wollten wir unter anderem wissen:

  • Wie hoch ist das Verhältnis zwischen gestellten und bewilligten Anträgen (Antragsleistungsquote)?
  • Wie hoch ist das Verhältnis von vorzeitigen Abgängen zur Größe des Versicherungskollektivs (Stornoquote)?

Unseren Fragebogen haben wir an alle 388 bei der BaFin registrierten Sach- und Lebensversicherer mit Sitz in Deutschland geschickt. Schließlich wollten wir allen Anbietern die Chance geben, sich an unserer Umfrage zu beteiligen. Zusätzlich haben wir noch zwölf europäische Anbieter ohne Sitz in Deutschland angeschrieben, die auf dem deutschen Markt aktiv sind und deren Kunden immer wieder Rat in den Beratungsstellen der Verbraucherzentralen suchen.

Mit 186 Versicherern hat sich noch nicht einmal die Hälfte der angeschriebenen Versicherer zurückgemeldet. Der größte Teil davon (147) gab wie erwartet an, keine Restschuldversicherungen anzubieten. Letztlich haben 23 Versicherer Daten geliefert, während es bei der 2017 von der BaFin veröffentlichten Marktumfrage 31 waren. Offenbar wollen einige Anbieter ihre Zahlen gegenüber den Marktwächtern nur ungern preisgeben. Umso bedauerlicher, da uns von Seiten der Unternehmen immer wieder vorgeworfen wird, wir würden unsere Kritik an der Branche stets nur auf wenige Einzelfälle stützen bzw. Negativselektion betreiben, da unsere Daten allein aus den Beratungen der Verbraucherzentralen stammen. Hier hätten die Anbieter selbst dazu beitragen können, unsere Untersuchung auf ein breiteres und aus ihrer Sicht objektiveres Fundament an Daten zu stellen. Sehr schade. Chance vertan.

Gleichwohl befinden sich unter den Teilnehmern nach unseren Recherchen alle wichtigen Akteure. Wir gehen also von einer hohen Marktabdeckung unserer Umfrage aus.

Große Unterschiede in der Bewilligungspraxis

Die Antragsleistungsquote bei den untersuchten Anbietern von Restschuldversicherungen mit dem Versicherungsrisiko Todesfall liegt bei den Anbietern mit der geringsten Quote bei 70-80 Prozent, bei denen mit der höchsten Quote bei 100 Prozent. Die Spannweite zwischen der höchsten und niedrigsten Antragsleistungsquote beträgt 23 Prozentpunkte. Bei Anbietern mit dem Versicherungsrisiko Arbeitsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit beträgt die Spannweite sogar über 40 Prozentpunkte. Von zehn gestellten Anträgen gewährt der Anbieter mit der niedrigsten Quote also vier Anträge weniger als der Anbieter mit der höchsten Quote.

Das deutet auf große Unterschiede in der Bewilligungspraxis, im Antragsverfahren und der Verständlichkeit der Produkte und Versicherungsbedingungen hin. Bei Anbietern mit eher geringen Leistungsquoten stellen Verbraucher anteilig mehr Anträge für nicht versicherte Ereignisse. Warum die Verbraucher aussichtslose Anträge stellen, können wir allerdings nur mutmaßen. Hier wäre es sicherlich interessant, sich einmal intensiv mit dem Vertrieb, den Versprechungen und den Bedingungen der Anbieter zu beschäftigen. Am seltensten werden Leistungsanträge für das Risiko Arbeitslosigkeit bewilligt: Im Jahr 2017 waren es bei der Hälfte der befragten Anbieter nicht mehr als zwei von drei Anträgen.

Hohe Stornoquote

Für die Versicherungsrisiken Tod und Arbeitsunfähigkeit liegt die Stornoquote bei über der Hälfte der befragten Anbieter über dem Branchenmittel für Lebensversicherungen. Dies liegt in den Jahren 2014 bis 2017 zwischen 2,65 und 3,14 Prozent2 . Restschuldversicherungen sind zwar auf relativ kurze Zeiträume ausgerichtet, werden jedoch bei über der Hälfte der befragten Anbieter besonders häufig vorzeitig beendet. Über das Warum kann ich nur spekulieren. Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass diese Verbraucher plötzlich alle zu Geld gekommen sind, ihre Finanzierungen vorzeitig ablösen und die RSV deshalb ebenfalls endet – auch wenn solche Fälle durchaus vorkommen. Vielmehr vermute ich, dass die Ursache eher in Umschuldungen liegt. Jedenfalls wissen wir von den Schuldnerberatern, dass Kettenkredite immer noch ein großes Problem darstellen und viele Bankschuldner in Serie immer höhere Kreditverträge abschließen. Diese tragen sicherlich häufig zur Überschuldung dieser Verbraucher bei.

Der maximale Unterschied zwischen den angegebenen Stornoquoten der Anbieter liegt über die drei versicherten Risiken hinweg zwischen neun und 18 Prozentpunkten. Die Praxis der häufigen Stornierungen in diesem Marktsegment betrifft offenbar nur bestimmte Anbieter bzw. deren jeweiligen Bankenvertrieb.

1Kreditnehmer verfügen regelmäßig nicht über die Liquidität, um eine Versicherung über Jahre im Voraus zu bezahlen. Daher wird ihnen ein zusätzlicher Kredit gewährt, um diese Vorleistung zu finanzieren.

2 Abzurufen unter: https://www.gdv.de/de/zahlen-und-fakten/versicherungsbereiche/ueberblick-24050#Stornoquote (Stand: 18.12.2018)


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