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Gastbeiträge

Riester-Rente revisited. Individuelle versus kollektive Perspektive

Riester-Rente revisited. Individuelle versus kollektive Perspektive

 20.07.2015  Gastbeiträge  1 Kommentar  Markus Kurth

Wir erleben in diesen Tagen Erstaunliches. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) wirbt offensiv für ihr privatwirtschaftliches Gegenüber: Die Riester-Rente. Diese könne, so das Ergebnis ihrer gerade veröffentlichten Studie, für bestimmte Bevölkerungsgruppen, darunter auch Geringverdienerinnen und Geringverdiener, durchaus lohnend sein. Die Begründung für diese Intervention irritiert durchaus: Da das gesetzliche Rentenniveau sinke, müsse die Rentenversicherung über ihre eigenen Alternativen informieren. Auch angesichts der bekannten Schwächen der geförderten privaten Altersvorsorge überrascht dieser Schritt.

Hat sich die Rentenversicherung verrechnet? Nein, das ist ihr nicht zuzutrauen. Steht die Riester-Rente damit trotz aller Unkenrufe vor einer zumindest doch noch mattglänzenden Zukunft? Ist die Kritik der vergangenen Jahre (und Tage: tagesschau.de/inland/riester-studie-101.html) nun weniger ernst zu nehmen? Auch dies ist zu verneinen - aus zwei Gründen. Erstens: In der Diskussion um die DRV-Studie werden zwei Ebenen, die individuelle und die sozialpolitische, in logisch nicht zulässiger Weise miteinander vermengt. Zweitens: Die in den Medien verbreiteten Renditedaten sind in der Realität selten beziehungsweise nur in sehr spezifischen Konstellationen anzutreffen.

Für wen lohnt Riester?

Klar ist: Die Riester-Rente kann sich für manche Sparer und einige Sparerinnen durchaus lohnen. Dies ist zweifellos erfreulich. Ohne Gewissenbisse kann ich dem einen oder anderen unter spezifischen Bedingungen eine Riester-Rente ans Herz legen. Wer mit hinreichend Glück gesegnet ist, einen fairen Riester-Vertrag abschließen zu können, wer auf ein langes Leben hoffen kann und idealerweise gleich mehrere und zudem jüngere Kinder aufzieht, sollte die geförderte private Altersvorsorge nutzen.

Allein, wer aus der Studie der Rentenversicherung, die spezifische Bevölkerungsgruppen in den Blick nimmt, eine „Ehrenrettung für die Riester-Rente“ (Tagesspiegel, 15. Juli 2015) herauszulesen versucht, erliegt einem Denkfehler. Denn auch wenn sich die besseren unter den Riester-Produkten in Einzelfällen durchaus als sinnvolle Investition erweisen mögen, wird die Riester-Rente ihrer sozialpolitischen Funktion eindeutig nicht gerecht.

Zur Erinnerung: Mit der Einführung der Riester-Rente im Jahr 2002 wurde die Absenkung des Rentenniveaus beschlossen. Die Rentenlücke sollte durch private Vorsorge flächendeckend kompensiert werden – mindestens. Von den ursprünglichen Erwartungen ist die Wirklichkeit allerdings weit entfernt. So sind die tatsächlichen, das heißt sozialpolitisch relevanten, Eckdaten der Riester-Rente eindeutig und alarmierend. Bei rund 35 Millionen aktiv Rentenversicherten und damit potentiellen Riester-SparerInnen sind rund 16 Millionen Riester-Verträge zu verzeichnen. Ein Fünftel davon ist ruhend gestellt, wird also nicht aktiv bespart. Und, last, not least: Nicht mehr als 6,4 Millionen Menschen erhalten die vollen Riester-Zulagen, da sie mindestens vier Prozent ihres individuellen Bruttoentgelts in geförderte Altersvorsorgeprodukte investieren. Nur diese Gruppe sorgt also tatsächlich im Sinne des Riester-Konzepts vor und hat so – theoretisch – die Möglichkeit, die Rentenlücke zu schließen.

Rendite?! - Was für eine Rendite?

Das Wort „theoretisch“ ist hier entscheidend, hängt die Umsetzung der Chance in Realität doch, zumindest, an einem seidenen Faden namens Rendite. Die ursprünglich durchschnittlich prognostizierten vier Prozent werden heute, nach der Finanzkrise und der Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent, selbst von der Versicherungswirtschaft nicht mehr nach außen getragen. Dennoch kursieren derzeit im Zusammenhang mit der DRV-Untersuchung vor diesem Hintergrund fast schon skurril anmutende Renditedaten.

Sogar eine Rendite von 5,9 Prozent soll nach den Berechnungen der DRV-Rechenexperten möglich sein. Das stimmt allerdings nur dann, wenn man ein monatliches Bruttogehalt von 730 Euro erhält und drei Kinder zu unterhalten hat. In diesem Fall bezieht unser Modellsparer mit Sicherheit ergänzendes Arbeitslosengeld II. Wird die Riester-Rente dann eventuell auf die Grundsicherung im Alter angerechnet, sind die Sparbeiträge quasi verloren – eine Rendite von „minus 100 Prozent“.

„Wir tun gut daran, der Riester-Rente nicht in toto positive Wirkungen abzusprechen. Für Einzelne mag sie sich auszahlen, unter freilich idealen Bedingungen. Dies zeigt die DRV-Studie eindrücklich. Wir sollten in diese aber auch nicht mehr hineininterpretieren, als sie hergibt. Sozialpolitisch ist die Riester-Rente in ihrer bisherigen Form gescheitert. Wir brauchen dringend einen Neustart, mindestens in Form eines öffentlich verwalteten Basisprodukts."


Kommentare
Kommentar von Jürgen Häußler  am  17.07.2016 01:22
Wenn optimale Voraussetzungen gegeben sind, kann die Riester-Rente durchaus sinnvoll sein. Wenn man die wenigen "Glücksfälle", die tatsächlich optimale Voraussetzungen haben, den bisher 35.000.000.000€ sinnfrei verplemperten Steuersubventionen gegenüberstellt, muss der Riester-Schwachsinn sofort beendet werden. Was werden unsere nachfolgenden Generationen über uns denken, wenn wir ihnen ein RIESEN Schuldenberg hinterlassen haben, dessen einziger Nutzen war, Managern, Provisionsverkäufern und Aktionären von Banken und Versicherungen die Taschen zu füllen ohne eine messbaren Nutzen für die Beitragszahler. Tja, was werden die wohl über uns denken?

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