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Gastbeiträge

Unsichere Zeiten: Vier unaufgeregte Tipps für Ihre Anlage und Vorsorge

Unsichere Zeiten: Vier unaufgeregte Tipps für Ihre Anlage und Vorsorge

 22.12.2022  Gastbeiträge  0 Kommentare  Prof. Dr. Hartmut Walz

© Ran Berkovich / Unsplash

Liebe Mitglieder des BdV,

das zu Ende gehende Jahr 2022 hat uns alle so stark überrascht und gefordert wie kaum ein Jahr seit Ende des 2. Weltkriegs – Corona eingeschlossen.

Es hat – vor allem wegen des Krieges in der Ukraine – eine Vielzahl an Veränderungen gebracht, die wir für undenkbar gehalten oder zumindest als so unwahrscheinlich angesehen haben, dass wir sie geistig verdrängten. Jedoch: Unverhofft kommt oft – es gibt mehr „Schwarze Schwäne“, als man annimmt bzw. wahrhaben möchte.

Unser Mitgefühl gilt den Opfern dieses grausamen Krieges und wir helfen, spenden, unterstützen wo immer wir können.

Die Frage, was die jüngere Entwicklung für unsere eigene Vorsorge bedeutet und wie wir unser Sparverhalten anpassen sollten, dürfen wir trotzdem stellen. Falls Sie also nach Orientierung für Ihre Geldanlage und Vorsorge suchen, teile ich gerne ein paar unaufgeregte Überlegungen mit Ihnen.

Vorab: Meine aktuellen Empfehlungen unterscheiden sich überraschend wenig davon, was ich vor einem oder zwei Jahren in Interviews oder auf meinem Finanzblog geraten habe. Und nach wie vor finde ich, dass Ihre wichtigsten Lebensrisiken nur zu einem kleinen Teil mit Geld, Vermögensaufbau und Altersvorsorge zu tun haben. Ihre körperliche und seelische Gesundheit, die Freiheit und sonstige Zufriedenheit (Familie, Freunde, Arbeitsplatz) sind viel wichtiger und mit Geld nicht zu kompensieren. Aber auch wenn der Volksmund sagt „Geld allein macht nicht glücklich!“, halte ich dagegen und sage „Kein Geld oder zu wenig Geld machen auch nicht glücklich!“ und helfe gerne mit, Sie bei der Sicherung Ihrer finanziellen Ziele zu unterstützen.

Mit diesem Bewusstsein schauen Sie nun gelassen, ob es bei Ihren Anlagen und Ihrer Vorsorge Handlungsbedarf gibt. Und prüfen dabei in vier Schritten vom Allgemeinen zum Speziellen – vom Großen ins Detail.

1. Stimmt das Verhältnis von Sach- zu Geldvermögen bei Ihren Reserven?

Alle Formen von Geldvermögen (z. B. Bankeinlagen, Anleihen, Ansprüche aus allen Arten kapitalbildender Versicherungen) lauten auf Euro und sind damit inflationsgefährdet. Sachanlagen (z. B. Aktien, Immobilien und Grundstücke, Gold, andere Edelmetalle und Rohstoffe) sind hingegen „immun“ gegen Inflation. Ich kenne Menschen, die über 90 % ihrer Reserven im Geldvermögen haben – keine gute Ausgangslage in Zeiten hoher Inflation. Ich kenne aber auch Menschen, die über 100 % im Sachvermögen investiert sind – ganz einfach, weil sie sich z. B. in eine Immobilie „verliebt“ haben, die weitgehend mit Krediten finanziert ist. Also ist deren Geldvermögen negativ – die Schulden überwiegen. Diese Menschen müssen hoffen und beten, dass wir nicht in eine Deflation geraten, in der die Sachvermögenspreise massiv fallen – also auch die Immobilienpreise. Und in der sie arbeitslos werden und somit ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Sie verstehen sofort: Die Dosis macht das Gift und ein für Ihre Lebenssituation passendes Verhältnis zwischen Geld- und Sachvermögen ist ein ganz zentraler Ausgangspunkt Ihrer finanziellen Robustheit.

2. Haben Sie Ihre Risiken über verschiedene Anlageklassen hinweg bestmöglich gestreut?

Während viele Crashpropheten und selbst ernannte Experten so tun, als ob sie die Zukunft vorhersehen könnten (und dabei regelmäßig krachend scheitern), wissen Sie und ich, dass wir das nicht können. Daher verhalten wir uns lieber wie gute Handwerker, die weder Richtung noch Stärke des nächsten Sturms vorhersagen können, aber ihr Haus so sturmsicher wie irgend möglich bauen. Bei Geldanlage und Vorsorge nenne ich das „maximale Robustheit“. Daher empfehle ich Ihnen, die – leider unvermeidlichen – Risiken möglichst breit zu streuen.

Einen ersten Schritt dafür haben Sie schon getan, indem Sie eine Aufteilung Ihrer Reserven in Geld- und Sachvermögen vorgenommen haben. Nun streuen Sie weiter über verschiedene Anlageklassen hinweg, also z. B. Einlagen, Anleihen, Aktien, Rohstoffen, Immobilien etc. Damit machen Sie sich weniger anfällig von unvorhersehbaren Entwicklungen einer bestimmten Anlageklasse. Dies klingt zwar sehr selbstverständlich, jedoch beobachte ich oft, dass Menschen völlig in eine Anlageklasse „verliebt“ sind, d. h. ihre gesamten Reserven nahezu vollständig auf diese (z. B. Aktien oder Immobilien) konzentrierten.

3. Haben Sie Ihre Risiken auch innerhalb der Anlageklassen bestmöglich gestreut?

Wenn Sie z. B. Einlagen in Höhe von über 100.000 Euro besitzen, sollten Sie diese unbedingt auf mehrere Banken verteilen, da sie nur bis zur genannten Höhe der Einlagensicherung unterliegen. Und wenn Sie Aktien besitzen, dann bitte hoffentlich nicht nur die des eigenen Arbeitgebers und auch nicht ausschließlich diejenigen großer DAX-Unternehmen vor der Haustür. Die „Heimatliebe“ kostet viele Menschen sowohl Rendite als auch unnötige Risiken. Nutzen Sie also unbedingt die Vorteile von preiswerten, transparenten und weltweit streuenden ETFs. Hier bekommen Sie für maximal 0,25 % jährliche Gebühr eine Streuung, die recht nahe am tatsächlichen Weltmarkt liegt. Ganz nebenbei: Vergessen Sie teure aktive Investmentfonds und Vermögensverwaltungen. Kluge Anleger*innen zocken nicht. Und sie zahlen daher auch nicht Dritten hohe Agien oder jährliche Kosten (TER) dafür, dass diese für sie zocken. Der Kuchen wird nicht dadurch größer, dass man ihn anders schneidet.

4. Achten Sie verstärkt auf die Kosten

Der letzte Punkt erbrachte bereits den Übergang zum Thema „Kosten“. Jeder Euro Kosten Ihrer Anlage oder Vorsorge ist nicht wirklich weg – er gehört nur einem anderen. Leider unterliegen wir alle dem sogenannten „Preis-Qualitäts-Vermutungs-Effekt“. Also der Annahme, dass wir mehr Qualität erhalten, wenn wir einen höheren Preis oder höhere Kosten in Kauf nehmen. Bei Anlage- oder Vorsorgeprodukten ist jedoch ganz eindeutig das Gegenteil der Fall. Prüfen Sie daher unbedingt Ihre „Altlasten“ von Spar- und Vorsorgeprodukten in Hinblick auf die Kosten. Und schrecken Sie nicht davor zurück, z. B. kostenintensive oder aus anderen Gründen unrentable Anspar- oder Vorsorgeprodukte aufzulösen. Der BdV steht Ihnen bei solchen Entscheidungen zur Seite. Auch wenn es wehtut und zunächst schwerfallen mag: Werfen Sie dem bereits verlorenen Geld kein weiteres Geld hinterher und korrigieren Sie vergangene Fehlentscheidungen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!

So starten Sie befreit ins neue Jahr und dürfen der Zukunft zumindest finanziell mit größerer Gelassenheit entgegensehen.

Ich verspreche Ihnen, dass ich und meine Familie es genau so machen – wir essen das Gleiche, was wir für Sie kochen! (I eat my own cooking!)

Auf ein gutes Jahr 2023

Hartmut Walz