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Kleinleins Klartext

Die drei Dimensionen der Schlechtbehandlung beim Run-Off

Die drei Dimensionen der Schlechtbehandlung beim Run-Off

 10.03.2021  Kleinleins Klartext  1 Kommentar  Axel Kleinlein

Gefühlt sehe ich an die zwanzig Mal pro Wochenende, wie Jürgen Klopp sich darüber auslässt, wie großartig es ist einen kompetenten Versicherungspartner zu haben, dem man vertrauen kann und auf den man sich wie in einem guten Team verlassen kann. Und die Generali wäre ja so ein Partner.

Ja, ich schaue Bundesliga und wenn die Spiele zum Teil recht dröge und langweilig sind, Jürgen Klopp sorgt dafür, dass mein Adrenalinspiegel in die Höhe schnellt. Denn es stimmt ja einfach nicht, was er da sagt. Wenn es in den letzten Jahren einen Versicherer gab, der eben nicht treu zu seinen Kundinnen und Kunden war, dann ist das genau unter dem Namen dieses Konzerns passiert.

Kein Spaß, Lebensversicherungen zu betreiben

Denn vor ein paar Jahren hat damals die deutsche Lebensversicherungs-Generali-Tochter beschlossen, dass sie die Verträge mit ihren Kundinnen und Kunden loswerden will. Es wurde ihr anscheinend unbequem, sich um diese Verträge zu kümmern, und schon damals war es ja kein Spaß, Lebensversicherung zu betreiben. Seit ein paar Jahren müssen die Versicherer in der Niedrigzinsphase ja mal zeigen, was sie eigentlich können. Und die Generali hat sich offensichtlich selber nichts zugetraut.

Der italienische Generali-Konzern hat dann kurzerhand die etwa vier Millionen Verträge der Generali Lebensversicherung an einen anderen Versicherer verkauft (Viridium), der in einer eigenen Tochter (Proxalto) seitdem die Verträge führt, und hat dann die AachenMünchener Lebensversicherung (mit Teilen der ehemaligen Volksfürsorge Lebensversicherung) in Generali Lebensversicherung umbenannt. Alles klar? Nein, das verstehen die Versicherten nicht mehr. Und mit einem verlässlichen, vertrauenswürdigen Partner hat das nichts zu tun.

Wenn ein Versicherer beschließt, dass er das mit der Lebensversicherung eigentlich aufhören will und aufhört, neues Geschäft abzuschließen, dann nennt man das „Run-Off“. Das kann man machen, indem man einfach die Türen zumacht und ansonsten so weitermacht wie bisher (interner Run-Off) oder aber die Verträge werden an einen anderen Versicherer verkauft, das ist dann der externe Run-Off (so wie die Generali das gemacht hat).

Dimensionen des Schreckens

Was sich hier zeigt, ist schon mal die erste Dimension des Schreckens beim Run-Off. Denn die Kundinnen und Kunden werden dann erst mal als nicht mehr so wichtig betrachtet. Es wird ihnen nicht vernünftig erklärt, dass sie verkauft werden, warum und an wen. Es gibt weniger Ansprechpartner und die sind dann auch nicht mehr so kompetent wie früher und insgesamt geht der Service runter. Servicewüste Run-Off.

Es wird aber noch schlimmer werden. Besonders beim externen Run-Off handelt es sich ja um Unternehmen, die mit den ursprünglichen Verträgen nichts am Hut haben. Diese Unternehmen gehören dann Menschen, die in den neuen Versicherer investiert haben, um Rendite zu machen. Das geht aber nur, indem den Versicherten eben nicht mehr so viel gegeben wird. Ich meine natürlich den Kampf um die Überschüsse.

Für einen externen Investor ist es ziemlich egal, ob die Versicherten die da abgewickelt werden sollen, glücklich sind oder nicht. Ihm geht es ums Geld. Bitte verstehen Sie mich nicht miss! Das ist unsere Marktwirtschaft – die kann man doof finden, wenn man kapitalismuskritisch ist oder auch in Ordnung finden, wenn man an „den Markt“ glaubt. Ich gehöre zu Letzteren, aber nur, wenn faire Regeln gesetzt sind - und die fehlen hier.

Schlechte Karten für Versicherte

Denn in dem Kampf um die Überschüsse haben die Versicherten bei den Run-Off-Unternehmen sehr schlechte Karten. Natürlich können sie sich beschweren und vor die Gerichte ziehen. Aber das eigentlich scharfe Schwert, Druck auf die Reputation des Unternehmens auszuüben, das funktioniert nicht mehr. Den Investoren kann es ziemlich egal sein, ob sie gehasst werden oder nicht. Das ist die zweite Dimension des Schreckens beim Run-Off. Da können die Versicherten ausgepresst werden – zwar stets im Rahmen der Gesetze, aber der ist weit.

Richtig finster wird es, wenn diejenigen, die das Run-Off-Unternehmen führen, das nicht so richtig beherrschen, wenn sie so schlecht arbeiten, dass die Solvenz des Unternehmens gefährdet wird. Denn wenn keine neuen Verträge mehr kommen, dann wird es kniffliger, das Unternehmen gesund zu halten. Und wir kennen ja schon erste Run-Off-Versicherer, die mit der Solvenz kämpfen und nur mit Übergangsmaßnahmen der Aufsicht genug Solvenzmittel vorrechnen können. In unserer letzten Solvenzuntersuchung mussten wir das leider feststellen. Das ist die dritte Dimension des Schreckens - dass die Versicherten Angst haben müssen, ob das Unternehmen dem sie ihr Geld anvertrauen, überhaupt zukunftsfähig ist.

Ich glaube nicht, dass sich Herr Klopp über solche Dinge Gedanken macht, wenn er die Generali anpreist. Aber vielleicht passt das ja dann doch sehr gut – denn die Generali macht sich ja auch wenig Gedanken um das Wohl ihrer ehemaligen Versicherten.

PS: Das sind ein paar Gedanken, die ich mir im Vorfeld einer SZ-Konferenz gemacht habe, auf der ich zu diesem Thema mit Versicherern diskutiert habe. Wer sich für solche Fachdiskussionen interessiert, dem sei die Teilnahme an unserer Wissenschaftstagung ans Herz gelegt…

 


Kommentare
Kommentar von Andi  am  12.04.2021 09:22
In manchen Dingen kann ich diesem Artikel ja durchaus zustimmen: Ja, in der durch Corona nochmals verschärften Niedrigzinsphase zeigt sich, welcher Lebensversicherer die letzten 10 Jahre seine Hausaufgaben gemacht hat und sich noch auskömmliche Renditen für seine Bestände gesichert hat bzw. wer neue kreative Lösungen im Spannungsfeld zwischen Rendite und der nunmal in D besonders intensiv verbreiteten Ausrichtung der Kunden auf Sicherheit entwickelt.
Was die Generali an "Markenstrategie" veranstaltet, kann man ja bestenfalls auch für das Unternehmen selbst als masochistisch bezeichnen - denn wie kann man ernsthaft denken, ein durch Run-Off verbrannter Name würde künftig zur Kundenwerbung dienen, wenn es auf eine bisher leidlich gut beleumundete Gesellschaft wie die Aachen-Münchener transferiert wird? Das kann allerhöchstens der Abstand aus Italien erklären und dass man da irgendwie denkt, der Name hätte ein solides Image...

Was allerdings nun definitiv nicht stimmt (und das sollte ein Profi nicht bewusst missverständlich wiedergeben): Es wurden keine Verträge irgendwo verkauft in diesem Run-Off, sondern lediglich der Besitzer der gesamten alten Generali Lebensversicherung hat gewechselt. Die Kunden bleiben Kunden genau der gleichen rechtlichen Einheit mit gleichen Vermögenswerten. Sie müssen auch grundsätzlich gemäß der MindZV genauso weiter behandelt werden - dass hier ein Unterschied zu anderen Lebensversicherern bestehen würde, die als AG ebenfalls Gewinne optimieren und dem Kollektiv entziehen, ist sehr spekulativ. OK es ließ sich beobachten, dass man den Großteil der Immobilien unter dem neuen Namen Proxalto veräußert hat, um Risiko vom Aktionär zu nehmen, aber sonst kein wesentlicher Unterschied zu früher oder anderen Häusern, denn die Überschussbeteiligung lag schon vor Run-off nur bei 1,25% und wird auch andernorts der Realität angepasst. Wer wirklich einen etwas anderen Weg gehen will, ist sicher bei einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit besser aufgehoben, bei dem eben keine Gewinne aus dem System an Aktionäre abfließen.

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