Kleinleins Klartext
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Wie sich Aktuare verkalkulieren…

Wie sich Aktuare verkalkulieren…

 27.04.2017 Kleinleins Klartext 0 Kommentare Axel Kleinlein

Heute ist die Jahrestagung der DAV, der „Deutschen Aktuarvereinigung e. V.“. Eigentlich handelt es sich bei den Mitgliedern der DAV um sehr pfiffige Köpfe, sind es doch (fast) alle Diplom-Mathematiker und sollten schon deshalb etwas auf dem Kasten haben. Im Großen und Ganzen hat es auch Hand und Fuß, was die Kollegen in diesem Verein machen. Aber leider nicht immer.

Wenn ein Aktuar einen Fehler macht, dann ist der wirklich richtig fatal und kann Milliarden kosten. Oder die ganze Branche beschädigen. Mindestens zwei Mal haben sich die Mathematiker in der Lebensversicherung vertan, und das mit schlimmen Folgen…

1994 - der erste Fehler der Aktuare

1994 - der erste Fehler der Aktuare: Die Gutgläubigkeit in den Finanzmarkt

Es ging los in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals gab es hohe Zinsen für sichere Wertpapiere. Allgemein herrschte ein unbändiger Glauben in die Kapitaldeckung. Und kaum einer konnte sich vorstellen, dass in Deutschland irgendwann solche Kapitalmärkte herrschen würden, wie sie schon damals in Japan zu beobachten waren.

Auch die Aktuare waren dabei mittendrin und machten sich stark für hohe Garantiezinsen. Jetzt sollten es vier Prozent sein! Ob man die auch über die nächsten Jahrzehnte halten könne? Das wird schon irgendwie klappen, überzeugten sich die Mathematiker in einem gegenseitigen Zirkelschluss. Die anderen glauben das ja auch! Und deshalb wäre das schon in Ordnung mit vier Prozent zu kalkulieren.

Im Nachhinein klingt das nicht nach einer fundierten, nüchternen und sicheren Kalkulation. Im Nachhinein sieht man: Da haben sich die Aktuare übernommen. Sie haben einfach daran geglaubt, dass die Finanzmärkte schon mitspielen. Im Nachhinein sieht man auch, dass sich die Aktuare verkalkuliert haben – aus Gutgläubigkeit.

Wer muss für den Kalkulationsfehler zahlen?

Das Desaster ist bekannt: Die Zinsen sanken, die Erträge der Versicherer gleichermaßen. Die vier Prozent sind seit einigen Jahren eine Benchmark, die man mit sicheren Anlagen nicht mal mehr annährend erreichen kann. Eine Lösung musste her. Und da kamen die Aktuare auf die Idee, eine Zinszusatzreserve zu bilden. In dieser sollten Extrareserven gebunkert werden, damit die Unternehmen auf Dauer nicht mehr die vollen vier Prozent zu erwirtschaften haben, sondern etwas weniger.

Solche Extrareserven müssen aber auch finanziert werden. Deshalb haben die Mathematiker zusammen mit der Aufsicht ein Verfahren entwickelt, das fast vollständig zu Lasten der Überschussbeteiligung geht. Unterm Strich heißt das: Die Aktuare haben sich verkalkuliert und die Versicherten müssen dafür auf Überschüsse verzichten. Und das noch lange Zeit.

2011 - Der zweite Fehler

2011 - Der zweite Fehler der Aktuare: Die Gutgläubigkeit in die Politik der EZB

So weit so schlecht. Dieses Verfahren mit der Zinszusatzreserve hätte zumindest funktioniert, wenn die Zinsen nicht zu stark gefallen wären. Die Experten gingen damals davon aus, dass ein Zinsniveau von eineinhalb oder zwei Prozent wohl nicht unterschritten würde. Woher diese Überzeugung kam? Gutgläubigkeit in die Zinspolitik der EZB. Auch die Aktuare der DAV wollten ein Szenario mit noch niedrigeren Zinsen nicht einkalkulieren. Sie haben sich aber verkalkuliert

Heute wissen wir, dass die Zinsen sogar noch unter diese Untergrenze fallen können. Heute müssen die Versicherungsunternehmen deshalb exorbitante Reserven bilden. Bald geht es um knapp 300 Milliarden Zinszusatzreserven, heißt es bei Analysten. Die Branche wird das vermutlich nicht stemmen können, ohne dass ein Versicherer die Grätsche macht und zum Protektor-Fall wird

Wenn sich Aktuare richtig verkalkulieren, dann hat das Folgen. Das kostet Milliarden. Und bringt die Branche ins Trudeln

PS: Das Schlimme ist: Bei derartigen Fehlern eines Aktuars muss am Schluss nicht dieser Mathematiker oder sein Arbeitgeber die Zeche zahlen. Leider sind es immer wieder die Versicherungskunden, die auf das Geld verzichten müssen.


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