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Kleinleins Klartext

Wirr, arrogant und ein Schuss ins Knie – der GDV im Krisenmodus!

Wirr, arrogant und ein Schuss ins Knie – der GDV im Krisenmodus!

 17.07.2020  Kleinleins Klartext  1 Kommentar  Axel Kleinlein

Letzte Woche haben wir unsere Solvenzstudie veröffentlicht, mit besorgniserregenden Ergebnissen. Etwa ein Viertel der Lebensversicherer ist angezählt, das hat dann auch die BILD geschrieben. Der Lobbyverband der Versicherer (außer der privaten Krankenversicherung), der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), verfiel darauf in den Krisenmodus und hat dann mit einem eigenen Statement reagiert.

Früher kamen vom GDV bei solchen Repliken handfeste Argumente mit kritischem Sachverstand. Was dieses eigenartige Statement nun soll, das entzieht sich meinem Verständnis.

Was an den Ausführungen des GDV so eigenartig ist?

Der GDV argumentiert wirr

Gleich zu Beginn beklagt der GDV eine „verfehlte Zinspolitik, die ihren Zenit überschritten hat“. Worin die „Verfehlungen“ der EZB liegen sollen? Das bleibt im Dunkeln. Ich vermute, es geht darum, dass sich die obersten Währungshüter erdreisten, sich nicht an den Wünschen der Versicherungswirtschaft zu orientieren.

Seltsam ist dabei, dass der GDV prophezeit, dass der „Zenit überschritten“ sei. Bemerkenswert, dass dieser Verband schon so genau in die Zukunft gucken kann! Ich schätze den Chef-Volkswirt des GDV, Klaus Wiener, sehr, ob seiner eher ausgewogenen und bedächtigen Analysen. Ich glaube kaum, dass diese Prognose des „Zenit-Überschreitens“ von ihm kommt.

Und sowieso „Der Zenit“? Der ist ja weit, weit oben im Himmel! Beklagt der GDV also zu hohe Zinsen? Nein, denn der Zins sei ja „quasi abgeschafft“- so der GDV. Stimmt aber nicht. Der Zins ist eben nur sehr, sehr niedrig. Und die Lebensversicherer haben leider immer mit viel zu hohen Zinsen kalkuliert.

Aber einen so kapitalen Kalkulationsfehler will der GDV nicht zugeben. Dann macht der Lobbyverband lieber wirre Aussagen zu verfehlter Zinspolitik am Zenit der Quasi-Zinsabschaffung. Versteht keiner, klingt aber gut.

Die Arroganz des GDV

Anstatt sich sachlich mit unserer Studie auseinanderzusetzen, werden stattdessen in knalligen Bulletpoints die ewig falschen Werbeaussagen wiedergekäut: Lebensversicherungen sind ganz toll, alles ist super, alles ist sicher.

Sieht der GDV hier nicht einen Widerspruch? Schließlich haben die Versicherer in den letzten zehn Jahren den Kundinnen und Kunden mehr als 100.000.000.000,00 Euro (100 Mrd. Euro) an Überschüssen vorenthalten! Das heißt, im Schnitt müssen alle Versicherten jede und jeder einzeln auf etwa 1.250 Euro an Überschüssen verzichten. Das fehlt im Geldbeutel. Fragen etwa Politiker, warum es diese immensen Reservetöpfe braucht, dann erklären die Versicherer, sie hätten ja so große Probleme. Davon ist in den Bulletpoints aber nicht die Rede. Im Gegenteil.

Der GDV schlägt sich also lieber selber auf die Schultern als zuzugeben, dass es nur der Griff in die Taschen der Kundinnen und Kunden ist, der die Branche noch am Leben lässt. Gegenüber der Politik wird gejammert, gegenüber den Kundinnen und Kunden wird arrogant angegeben. Beides ist nicht angebracht – ist aber bequem für den GDV und die Branche.

Der Schuss ins Knie – die Sache mit der Überschussbeteiligung

Und dann erdreistet sich der GDV im Zusammenhang mit den Solvenzquoten zu behaupten:

„Im Branchenmittel werden die Versicherten zu über 95 Prozent an den Kapitalerträgen, Risiko- und Kostengewinnen der Lebensversicherer beteiligt.“

Das würde genau dann stimmen, wenn diese 95 Prozent auch wirklich den Versicherten zugeschrieben wären. Aber gerade bei der Solvenzbetrachtung ist das eben nicht so! Ein erheblicher Teil dieser Gelder geht nämlich nicht direkt an die Kundinnen und Kunden, sondern wird in einem speziellen Reservetopf geparkt, der sogenannten freien RfB.

Und diese freie RfB erhöht bei der Solvenzbetrachtung das Eigenkapital! Anders ausgedrückt: Würde man die Forderung des GDV für bare Münze nehmen, dann dürfte man die Gelder in der freien RfB nicht bei der Solvenz mitberechnen. Dann sinken die Solvenzquoten aber noch weiter! Schließlich reden wir hier grob geschätzt nur über ca. 23.000.000.000,00 Euro (23 Mrd. Euro).

Lieber GDV, wenn Du willst, dass wir die freie RfB in unseren Berechnungen ausblenden, dann können wir das gerne tun. Die Solvenzquoten werden dann noch niedriger. Aber auch noch ehrlicher! Denn dann sieht man noch deutlicher, wie sehr Eure Branche mit den Überschüssen trickst.

PS: Mal schauen, ob wir noch die genaueren Solvenzquoten ermitteln, dann ohne Berücksichtigung der freien RfB. Zumindest diese Anregung des GDV möchte ich gerne für zukünftige Studien aufnehmen.


Kommentare
Kommentar von GDV-Kommunikation  am  20.07.2020 16:14
Dann gerne noch ein sachliches Argument für Mathematiker: Wie lautet das Kurzrezept für pressewirksame niedrige "reine" Solvenzquoten? Man beauftrage eine Analyse, die willkürlich immer weitere Solvenzmittel eines Lebensversicherers (wie am Beispiel der RfB oben beschrieben) aus dem Zähler herausrechnet. Den Nenner lasse man unverändert. Dient es auch nicht der Erkenntnis, so doch wenigstens der Stimmungsmache.

Zum Thema der Bewertungsreserven seien folgende (sachliche) Argumente aus dem Jahr 2014 zur Lektüre empfohlen: https://www.gdv.de/de/themen/news/bewertungsreserven-kurz-erklaert-16870

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